Wie wenig diese tiefenpsychologische Seite heute noch erforscht ist, beweisen die okkultistischen und metaphysischen, schlichtweg mittelalterlichen Spekulationen im Zusammenhang mit den Wahrnehmungsleistungen Hochsensitiver.
Die menschliche Erlebnisfähigkeit bewegt sich indessen auf einer Skala, die von anormaler Stumpfsinnigkeit bis zu nicht minder anormaler Sensitivität reicht, wobei alles Wahrnehmen, Fühlen, Vorstellen, Verstehen, Denken, kurz alles, was unbewußt und bewußt erlebt wird, mit physiologischen Veränderungen einhergeht, auch wenn wir sie heute erst in geringsten Teilen nachzuweisen in der Lage sind.
Ahmungserlebnisse können sowohl durch Wahrnehmungen, als auch durch sinnliche und begriffliche Vorstellungen ausgelöst werden. In beiden Fällen vollziehen sie sich als Überlagerung zweier Rhythmen. Der eine ist der individuelle Gefühlsrhythmus des Erlebenden, der andere der geahmte Fremdrhythmus.
Bei den meisten Menschen ist die Rhythmuskomponente des Erlebnisses gleich - oder gar übergewichtig. Sie wird durch de Komponente der Wahrnehmung zu Vorstellungen angeregt, die weitgehend eine Verbildlichung des Eigenrhythmus darstellen. Das heißt, es geht nur wenig vom geahmten Fremdrhythmus in den Überlagerungsprozeß ein. Doch gibt es offenkundig Individualstrukturen, deren Eigenrhythmus entweder so schwach ausgeprägt ist oder so weit zurückgenommen werden kann, daß der wahrgenommene Fremdrhythmus zum mehr oder minder ausschließlich erlebnisprägenden wird.
Solche Personen bezeichnen wir als rhythmenfühlig oder "medial", da sie einen fremden Wahrnehmungs- und Vorstellungsrhythmus vermitteln.
Hinsichtlich der innersekretorischen und neurologischen Auswirkungen tut sich hier vor allem der Molekularbiologie ein Forschungsfeld von noch gar nicht abzusehendem Ausmaß auf. Im Vergleich dazu lassen sich Blutverteilung sowie Atmungs- und Herzschlagrhythmus, ebenso der wechselnde Muskeltonus, leicht kontrollieren. Letzterer ist als Weg außersprachlicher Mitteilungen bedeutsam in der Form unbewußter wie bewußter Gestik und Mimik, ohne die nicht wenige Menschen sich überhaupt keine Verständigung vorzustellen vermögen. Darüber hinaus aber spielt die unbewußte Körpersprache als Kommunikationsweg eine noch weit wesentlichere Rolle als gemeinhin angenommen, insofern sie Vermittler jener tiefenschichtigen Erlebnisvorgänge ist, die für zwischenmenschliche Sympathie- und Antipathiebeziehungen ausschlaggebend sind, wie sie im Unbewußten der Gefühlsschicht wurzeln.
Bei einer freien Hingabe funktioniert der ablaufende Psychomechanismus des Einfalls aus dem Unbewußten ohne begriffliche Steuerung. Dem Kind wie dem Primitiven ist die ungehemmte Hingabe an ihr psychosomatisches Rhythmenerleben selbstverständlich - im Gegensatz zu einem verstandesstolzen erwachsenen Abendländer, der seine Gefühlsbedürfnisse verdrängt.
Die auftauchenden Einfälle entstammen dementsprechend weitgehend der angeerbten, individuellen psychosomatischen Eigenstruktur der Gefühlsschicht, wie es der ostasiatischen ZEN-Aufforderung entspricht: "Zeige mir Dein Antlitz, ehe Du geboren warst." Nach dem Verlust seiner kindlichen Unbefangenheit vermag der Mensch dieser Aufforderung nur noch schwer nachzukommen. Hier liegt jedoch die Wurzel aller Kreativität. Nur in der Pflege solcher Einfälle funktioniert der bildende Künstler, der Komponist, der Dichter und letztlich auch der "Seher". Die Vielfalt aller dieser Schöpfungen aus dem Unbewußten wird bestimmt durch die jeweils besondere Rhythmuskombination der vom Individuum angeerbten Materie und deren Gefühlsprägung durch die Umwelteinflüsse. Je unreflektierter sich dieser Individualrhythmus in den aus dem Unbewußten aufsteigenden Vorstellungen auswirken kann, um so einfallsreicher ist das Individuum. Die Bemühung um Aufrechterhaltung der in diesem Sinne unübertroffenen kindlichen Kreativität stehen deshalb im Mittelpunkt moderner Didaktik und Psychotherapie. Die individuelle Fähigkeit zur Eigenrhythmusschau ist allerdings graduell höchst verschieden. Sie kann im Begriffskorsett bis zur Unmerkbarkeit erstickt werden. Dennoch gibt es offenbar auch im begriffbetonten Kulturbereich des Abendlandes Menschen, die sich auch hier eine überdurchschnittliche Rhythmenfühligkeit und damit Ahmungsfähigkeit bewahrt haben. Deren Wahrnehmungsleistungen setzen ihre Zeitgenossen in einem Maße in Erstaunen, daß man sie bis heute als parapsychologische Erscheinungen zu bezeichnen pflegt.